Synthese
und Wirkung der Schilddrüsenhormone
Stellen wir uns die Schilddrüse als Fabrik vor, die Schilddrüsenhormone produziert.
Für diese Aufgabe ist Jod zwingend erforderlich.
(Dass wir in einem Jodmangelgebiet leben, wird uns noch intensiv beschäftigen.)
Mit der Nahrung zugeführt wird es im Darm resorbiert und ins Blut aufgenommen.
Gelangen die Jod-Teilchen in die Blutgefäße der Schilddrüse, werden sie von
den Schilddrüsenzellen (Thyreozyten) gezielt eingefangen.

In
der Schilddrüsenzelle sind bereits Moleküle fertig montiert, in die nun 1
oder 2 Jodatome eingebaut werden. Diese Zwischenprodukte werden gekoppelt,
und so entstehen die Schilddrüsenhormone:
- das 3 Jodatome enthaltende Trijodthyronin,
abgekürzt T3
- und das 4 Jodatome enthaltende Tetrajodthyronin,
abgekürzt T4, auch
Thyroxin oder Levothyroxin
genannt.
Die Bezeichnung Levothyroxin werden wir bei der Abhandlung der medikamentösen
Therapie bevorzugen.
Normalerweise beträgt die Produktionsrate für T3 etwa
10 Prozent und für T4 etwa 90 Prozent.
Die fertigen Schilddrüsenhormone T3 und T4
werden im Thyreoglobulin gespeichert. Benötigt der Körper mehr Schilddrüsenhormone,
nehmen die Schilddrüsenzellen (Thyreozyten) etwas Thyreoglobulin aus dem Kolloid
auf, befreien T3 und T4 aus der
Speicherform und geben die freien Hormone (abgekürzt FT3 und FT4) ins Blut
ab.
T3 ist um ein Vielfaches wirksamer als T4.
Überwiegend gibt die Schilddrüse das harmlosere Hormon T4
ins Blut ab, gleichsam als zirkulierenden Vorrat. Benötigt eine Zelle irgendwo
im Körper das hochwirksame T3, wird im nächstbesten
T4 einfach ein Jodatom entfernt, und ein frisches T3
steht bedarfsgerecht zur Verfügung. So erwünscht die blitzschnelle Umwandlung
im Bedarfsfalle auch ist, so gefährlich könnte sie bei Störungen werden. Daher
ist eine weitere Sicherung eingebaut: FT3 und FT4
kommen nur zu einem winzigen Anteil im Blut vor. Zu 99,95 Prozent sind die
Hormone an Transporteiweiß gebunden und - so an die Kette gelegt - biologisch
weniger wirksam.
Die Wirkung der Schilddrüsenhormone
Schon vor der Geburt fördern die Schilddrüsenhormone Wachstum und Entwicklung.
Hauptwirkung ist die Energiegewinnung und -umwandlung aus der Nahrungsenergie.
Damit beeinflussen die Schilddrüsenhormone alle Stoffwechselvorgänge der ungefähr
60 Billionen Zellen, aus denen der Körper besteht. Die Prozesse der Energieumwandlung
benötigen Sauerstoff und sind Wärme produzierend. Daher friert ein Patient
mit Schilddrüsenunterfunktion, einer mit Überfunktion schwitzt stark. Vorwiegend
kommen die Wirkungen der Schilddrüsenhormone durch T3 zustande.
Über den Zellkern werden stoffwechselaktivierende Gene stimuliert.
Die Schilddrüsenhormone wirken aktivierend auf
- Wachstum und Entwicklung beim Kind
- Energiehaushalt " Temperaturregulation
- Eiweiß-, Fett- und Kohlenhydratstoffwechsel
- Muskelstoffwechsel " Mineralhaushalt (Knochenstoffwechsel)
- körperliche und geistige Leistungsfähigkeit
- Herz- und Kreislauffunktion
- andere Drüsen (z.B. Keimdrüsen)
- Psyche.
Eine Funktion wird in ihrer Bedeutung oft erst dann erkannt, wenn sie gestört
ist. Daher lässt sich die Wirkung der Schilddrüsenhormone besser verstehen,
wenn wir uns den Krankheiten der Schilddrüse zuwenden.
Doch zuvor muss uns der sogenannte Regelkreis
beschäftigen. Denn die Schilddrüse funktioniert normalerweise nicht isoliert
vor sich hin, sondern ist eingebunden in ein kompliziertes Kontrollsystem.
Kontrolle durch den Regelkreis
Es ist für den Körper lebenswichtig, dass - angepasst an den aktuellen Bedarf
- alle Syntheseschritte in der Schilddrüse regelrecht ablaufen und immer die
richtige Menge an Schilddrüsenhormonen den Körperzellen zur Verfügung gestellt
wird, nicht zu viel, nicht zu wenig.
Das komplexe Zusammenspiel all dieser Prozesse bedarf eines übergeordneten
Kontroll- und Steuerzentrums. Dieses ist die knapp bohnengroße, an der Schädelbasis
liegende Hirnanhangsdrüse (Hypophyse).
Die Hirnanhangsdrüse ist übrigens auch Schaltzentrale für den Stoffwechsel
vieler anderer Hormone, so dass der Schilddrüsenhormonstoffwechsel in mannigfacher,
überwiegend noch unbekannter, Weise mit dem übrigen Hormonhaushalt des Körpers
verknüpft ist. Die für die Schilddrüse kompetente Abteilung der Schaltzentrale
befindet sich im Vorderlappen der Hypophyse.
Wie funktioniert die Kontrolle?
Die Hypophyse registriert kontinuierlich die aktuelle Konzentration der Schilddrüsenhormone
im vorbei strömenden Blut. Diese Konzentration der Endprodukte T3
und T4 ist der entscheidende Parameter, der angibt,
ob wirklich alles, was mit der Herstellung dieser Produkte verbunden ist,
quantitativ und qualitativ stimmt.
Eine Kontrolle wäre sinnlos, hätte die Hypophyse nicht die Möglichkeit zu
wirksamer Reaktion:
Sinkt die Hormonkonzentration im Blut ab, veranlasst die "Aufseherin" Hypophyse
die Fabrik Schilddrüse, mehr Produkte ins Blut abzugeben: Als erstes räumt
die Fabrik die Lagerbestände. Aber auch für langfristigen Nachschub muss die
Hypophyse sorgen: der Rohstoff Jod wird verstärkt resorbiert, und die Synthese
der Hormone wird beschleunigt.
Steigt der Schilddrüsenhormonspiegel im Blut an, bremst die Hypophyse die
Produktion. So wird die Konzentration an freiem T3 und
T4 im Blut relativ konstant gehalten.
TSH
Das Werkzeug, das der Hirnanhangsdrüse für ihre Aufgaben zur Verfügung steht,
ist TSH (Abkürzung von: Thyreoidea stimulierendes
Hormon).
Es hat drei Eigenschaften:
" TSH fördert die Jodaufnahme in die Schilddrüse.
" TSH regt die Hormonsynthese in der Schilddrüse an.
" TSH sorgt für die Abgabe von T3 und T4
ins Blut.
" TSH regt die Schilddrüse zum Wachstum an.
Jahrzehntelang galt die Meinung, dass TSH alleinentscheidender Faktor für
eine Größenzunahme der Schilddrüse ist: Wenn es der Aufseherin Hypophyse langfristig
nicht gelingt, durch die funktionsstimulierenden Maßnahmen die erwünschte
ausreichende Schilddrüsenhormonproduktion zu erzielen, wird die Fabrik einfach
vergrößert ("strumigene" Wirkung des TSH).
Die Hypothese wurde inzwischen weitgehend verlassen, da auch die klinische
Erfahrung lehrt, dass Patienten mit einem Kropf in der Regel normale TSH-Werte
im Blut bieten. Auf einen neuen Erklärungsversuch der Kropfentstehung
wird im Kapitel über die Struma eingegangen.
TRH
Der Hypophyse als Aufseherin über die Schilddrüse ist ein Oberaufseher übergeordnet:
der Hypothalamus. Oberhalb der Hypophyse in den unteren Anteilen des Zwischenhirns
gelegen ist er die eigentliche Kommandozentrale des Schilddrüsenhormonstoffwechsels.
Der Hypothalamus bildet ein Hormon, das die Hypophyse anregt: Thyreotropin
Releasing Hormone, abgekürzt TRH. (Thyreotropin
ist ein Synonym für TSH; releasing bedeutet: freisetzend. TRH bedeutet somit
"TSH freisetzendes Hormon". TRH und TSH sind im Sinne eines Regelkreises)
miteinander verbunden. Ob es wirklich eine strenge Befehlshierarchie vom Hypothalamus
zur Hypophyse (mittels TRH) und von dort zur Schilddrüse (mittels TSH) gibt,
ist bislang ungeklärt.
Noch weniger weiß man darüber, ob und wie auch der Hypothalamus irgendwelche
Befehle von "oben" erhält. Bislang ist nur zu spekulieren, dass die Großhirnrinde,
in der "seelische" Prozesse verarbeitet werden, die "tieferen" Hirnzentren
beeinflusst. Wie sonst wäre die 'psychosomatische' Rolle der Schilddrüse zu
erklären? An dieser Stelle sei auch eine ganz und gar unwissenschaftliche
Frage in den Raum gestellt: Warum liegt dieses kleine Organ Schilddrüse geradezu
als Wegelagerer am Hals, dem Engpass zwischen Psyche (Gehirn) und Soma (gesamter
übriger Körper)? Bei Traurigkeit bekommt man einen "Kloß im Hals", es kann
einem "an den Kragen gehen...
Die geschilderten Fakten und Begriffe sind von ganz praktischem Interesse
für jeden Schilddrüsenkranken. Denn nahezu bei jeder Schilddrüsenuntersuchung
wird durch Blutabnahmen T3, T4
und TSH bestimmt. Gelegentlich wird auch der TRH-Test durchgeführt. Und ein
sogenannter Suppressionstest dient der
Prüfung, ob der Regelkreis normal funktioniert. Der Regelkreis kann nämlich
krankhafterweise ausgeschaltet sein. Man redet dann von einer Autonomie.
Eine ausführliche Darstellung der genannten Tests findet sich im Diagnostik-Teil.
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