Therapie
Radiojodtherapie
Die Radiojodtherapie von Schilddrüsenerkrankungen ist die häufigste nuklearmedizinische Therapie und – erfreulicherweise – recht unspektakulär.
Vor dieser Therapie wird ambulant ein „Radiojodtest“
zur Dosisberechnung durchgeführt. Nach der stationären Aufnahme
auf der nuklearmedizinischen Spezialstation schluckt der Patient eine Kapsel
mit der berechneten Jod-131-Dosis, und das ist schon die ganze Therapie! Der
Patient darf weder die Station verlassen noch Besuch empfangen. Weshalb?
Das radioaktive Jod wird von z. B. einem "heißen Knoten" angerafft.
Der nicht in den Knoten eindringende Teil des Jod-131 wird über den Urin
und gering mit dem Speichel ausgeschieden. Um eine überflüssige
Strahlenbelastung der Umwelt durch die Ausscheidungen zu vermeiden, münden
die Abflussrohre in eine „Abklinganlage“. In großen Kesseln
werden dort die radioaktiven Ausscheidungen so lange verwahrt, bis keine Radioaktivität
mehr gemessen werden kann (Halbwertzeit von Jod-131: 8,3 Tage). Schon wegen
der Sammlung seiner radioaktiven Ausscheidungen muss der Patient auf der Spezialstation
bleiben. Das ist durch die Strahlenschutzgesetzgebung vorgeschrieben.
Ein zweiter Grund für die stationäre "Isolierung": Durch die Anreicherung der Radioaktivität in seinem Schilddrüsenknoten ist der Patient selbst zur Strahlenquelle geworden. Für Besucher würde er somit zur (überflüssigen) Strahlenbelastung.
Schon bald beginnt im Schilddrüsenknoten die heilende Wirkung des Radiojod, ohne dass der Patient irgendetwas spürt. Das radioaktive Jodisotop Jod-131 sendet neben Gammastrahlen auch Betastrahlung aus. Diese sind die therapeutisch wirksame Komponente. Bei sehr geringer Reichweite im Gewebe werden fast ausschließlich die krankhaften Zellen des Knotens, die das Jod-131 selektiv anraffen, von ihnen getroffen und vernichtet. Den definitiven Effekt, z.B. das Verschwinden des Knotens, kann der Patient oft erst Monate später bemerken.
Der Zeitpunkt der Entlassung ist durch die Strahlenschutzgesetzgebung vorgeschrieben: frühestens 48 Stunden nach der Verabreichung des Jod-131 und/oder dem Erreichen einer bestimmten Restaktivität (250 MBq). Sie stellen sich einfach in definiertem Abstand von einer Meßsonde auf, und das Gerät gibt dann die Restaktivität in Ihrem Körper (vor allem in der Schilddrüse) an.
Nicht medizinische Gründe bestimmen also den Entlassungstermin,
sondern die Messung der noch im Körper verbliebenen Radioaktivität,
welche von der "effektiven Halbwertzeit" abhängt.
Die Wirkung des Radiojod ist neben der Dosis entscheidend von der Verweildauer
der Strahlung in der Schilddrüse abhängig. Von sehr individuellen
biologischen Einflüssen bestimmt, lässt sich die "Verweildauer"
anhand des Radiojodtests vor der Therapie hinreichend genau schätzen.
Neben der Behandlung gutartiger Schilddrüsenkrankheiten hat die Radiojodtherapie ihren unschlagbaren Platz erst recht bei der Heilung der häufigsten Art von Schilddrüsenkrebs, den differenzierten Karzinomen. Selbst Patienten mit Metastasen (Tochtergeschwülsten) in Lunge und Skelett werden in aller Regel dauerhaft geheilt, und zwar bei ungeschmälerter Lebensqualität.
Nebenwirkungen der Radiojodtherapie:
Die Radiojodtherapie hat ihre Risikoarmut seit Jahrzehnten unter Beweis gestellt, weshalb offizielle Fachgremien auch in Deutschland die Empfehlung einer Altersgrenze fallen gelassen haben. In den USA werden schon sehr lange auch Kinder mit Radiojod behandelt.
Schon viele Jahre steht fest, dass die Radiojodtherapie absolut unschädlich ist. Seit 1944 wird sie durchgeführt, und gerade die durch die Folgen von Hiroshima und Nagasaki entzündeten Vorbehalte und Befürchtungen waren es, die gerade die Radiojodtherapie so scharf ins Visier nehmen ließen wie es vermutlich keinem einzigen Medikament widerfuhr.
Kontrollierte Studien an Zehntausenden von Patienten in den
USA und in Schweden ergaben, dass mit der Radiojodtherapie weder ein "somatisches"
noch ein "genetisches Risiko" verbunden ist (soma = Körper;
Krebsrisiko).
Bei einer durchschnittlich dosierten Radiojodtherapie eines Morbus Basedow
liegt die Strahlenbelastung der Gonaden (Keimdrüsen) mit etwa 1 bis 3
Rad in der Größenordnung von Röntgenuntersuchungen im Bereich
des Magen-Darmtrakts oder des Beckens. Das theoretische Risiko von genetischen
Veränderungen liegt bei 0,01 bis 0,05 %, im Vergleich zu einem natürlichen
Risiko von 5 bis 10 %.
Ein "Hypothyreoserisiko"
wird ganz bewusst einkalkuliert und als sinnvoll in Kauf genommen. Die so
äußerst rezidivfreudige Immunogene Hyperthyreose (Morbus Basedow“)
wird mit einer absichtlich so hoch gewählten Dosis behandelt, damit die
kranke Schilddrüse vernichtet wird und ein Rezidiv damit garantiert nie
wieder möglich wird.
Begründung: es ist besser, eine Unterfunktion problemlos mit Schilddrüsenhormonen
zu behandeln, als durch eine zu niedrig gewählte Radiojoddosis den Patienten
immer wiederkehrenden Rezidiven auszusetzen und dabei dem Risiko der Herzschädigung
und der Medikamentennebenwirkungen auszusetzen.
Eine lokale Entzündung ("Strahlenthyreoiditis") nach der Radiojodtherapie ist selten und harmlos.
Fazit: nennenswerte Nebenwirkungen der Radiojodtherapie sind nicht bekannt.
Operation oder Radiojodtherapie?
In sehr vielen Fällen sind Radiojodtherapie und Operation gleichwertig. Nach objektiver Beratung durch den Hausarzt, Nuklearmediziner und/oder den Chirurgen kann der Patient in der Mehrzahl der Fälle die Wahl zwischen Radiojodtherapie und Operation treffen. Ein niedriges Lebensalter gilt nicht mehr als Kontraindikation gegen eine Radiojodtherapie, ebenso ist ein hohes Lebensalter keine Kontraindikation mehr gegen einen operativen Eingriff.
Nur in einem kleinen Teil der Fälle ergeben sich eindeutige
Indikationen für oder gegen das eine oder andere Verfahren:
· Eine absolute Kontraindikation zur Durchführung der Radiojodtherapie
ist die Schwangerschaft.
· Für
eine Operation und gegen eine primäre Radiojodtherapie entscheidet man
sich bei Karzinomverdacht. Hier besteht sogar eine absolute Kontraindikation
gegen die Radiojodtherapie, weil ja unbedingt die Diagnose histologisch gesichert
werden muß. Besteht ein Karzinom, muß es möglichst radikal
wegoperiert werden, und dann erst folgt die Radiojodtherapie, die dann noch
die evtl. Reste des Tumors beseitigt.
· Bevorzugt wird die Operation auch bei sehr großem Kropf und
bei der Notwendigkeit, sehr rasch Abhilfe (z.B. Kompression der Luftröhre)
schaffen zu müssen.
· Gegen eine Operation zugunsten der Radiojodtherapie entscheidet man sich bei schlechtem Allgemeinzustand, kleiner oder fehlender Struma (bei Überfunktion) und bei Strumarezidiv nach Operation.
· Die Radiojodtherapie ist zu bevorzugen bei Patienten
mit erhöhtem Operationsrisiko, des weiteren bei Patienten mit "multifokaler
Schilddrüsenautonomie", da hierbei die erkrankten Schilddrüsenregionen
gezielt und unter Schonung der gesunden Partien ausgeschaltet werden können.
Ob für oder gegen eines der beiden definitiven Therapieverfahren: die
letzte Entscheidung fällt der Patient selbst. Dabei sind es trotz sachlicher,
fachkundiger Beratung mitunter seine subjektive Strahlenangst oder Operationsangst,
welche ihn zu seiner Entscheidung bewegt.
Dieses Kapitel fasst die Behandlungsmöglichkeiten bei Schilddrüsenerkrankungen zusammen. Die Therapieformen sind bei unterschiedlichen Schilddrüsenerkrankungen zum Teil ähnlich. Bei der Abhandlung der verschiedenen Krankheiten kann dann auf wiederholte Darstellungen der allgemeinen Therapiegrundlagen verzichtet und auf dieses Kapitel verwiesen werden.
Grundsätzlich unterscheidet man drei Therapieformen:
·
medikamentöse Therapie,
· operative Therapie und
· Radiojodtherapie